Versorgung bei Schuppenflechte

„Deutschland ist weltweit Vorbild bei der Versorgung“

Von Nadine Effert · 2021

Prof. Dr. Matthias Augustin ist Facharzt für Dermatologie und Venerologie und Direktor des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie und Pflegeberufe (IVDP) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er erläutert, wo es hierzulande – trotz hoher Versorgungsqualität – Defizite bei der Behandlung von Menschen mit Psoriasis gibt und erläutert, was hinter der „Teledermatologie“ steckt.

Eine Frau kratzt sich am Arm
Foto: iStock / nensuria

Was erwarten Patientinnen und Patienten mit Psoriasis von der Behandlung?

Betroffene wünschen sich eine möglichst beschwerdefreie Haut, ein normales Leben ohne Stigma und mehr Lebensqualität. Dafür bedarf es eines maßgeschneiderten individuellen Behandlungsplans, der sich aus den zur Verfügung stehenden Therapien und konkreten Handlungsanweisungen zusammensetzt. Wie hat sich die Schuppenflechte entwickelt? Was sind die Auslösefaktoren für einen Schub? Wie sieht das klinische Bild aus? Was sind die persönlichen Bedürfnisse? Die Beantwortung dieser Fragen durch den Patienten bildet das Fundament für eine optimale individuelle Versorgung gemäß S3-Leitlinie zur Therapie der Psoriasis – und bei Bedarf etwaiger Begleiterkrankungen. Zu denen unter anderem sehr häufig die Psoriasis-Arthritis, aber auch kardiovaskuläre Erkrankungen gehören.

Porträt: Prof. Dr. Matthias Augustin
Prof. Dr. Matthias Augustin, Facharzt für Dermatologie und Venerologie

Wie ist die Versorgung von Betroffenen heute aufgestellt?

Ein enormer Zugewinn ist die heutzutage vorhandene Bandbreite an Möglichkeiten zur äußeren und der modernen inneren Behandlung der Schuppenflechte. Der Grund für diese erfreuliche Entwicklung ist, dass wir inzwischen – dank intensiver Forschung in den letzten 20 Jahren – viel mehr Wissen über die spezifischen Entzündungsmechanismen der Schuppenflechte haben. Es gibt daher selbst für mittelschwere bis schwere Fälle Medikamente, sogenannte Biologika, die gezielt spezifische körpereigene Botenstoffe hemmen, die für die Entzündung mitverantwortlich sind. Mein Rat lautete daher, dass Patienten sich gut über die, vor allem neuen, Therapieoptionen informieren und gegebenenfalls ihren Arzt oder ihre Ärztin proaktiv auf diese ansprechen sollten.

Ist es denn keine Selbstverständlichkeit, dass ich als Betroffene in den Genuss neuer Therapieformen komme?

Auch wenn sich immer mehr Dermatologen innovativen Therapien gegenüber öffnen, bietet nicht jeder Arzt die gesamte Bandbreite an und geht nach den aktuellen Behandlungsstandards vor, zum Beispiel aufgrund der Verschreibungsregeln. Diese münden in einer regionalen Ungleichheit beim Einsatz moderner Therapeutika. Denn die Möglichkeit für Dermatologen, diese Wirkstoffe uneingeschränkt verschreiben zu können, hängt auch davon ab, welcher regionalen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) sie angehören. Denn nicht in allen KV-Regionen werden Innovationen gleichermaßen unterstützt, sprich vergütet. So ist die Versorgungssituation – und damit auch die Lebensqualität – von Patienten in den nördlichen und östlichen Bundesländern besser als im Süden. In Baden-Württemberg setzen weniger als fünf Prozent der Dermatologen überhaupt Biologika bei Psoriasis ein – aus Angst vor hoher persönlicher finanzieller Haftung. In Mecklenburg-Vorpommern sind es 95 Prozent.

Patienten können auch Medikamente mit Kortison verschrieben werden, damit sie bei schwereren Schüben Linderung erfahren. Eine gute Idee?

Auf keinen Fall. Die innere Therapie mit kortisonhaltigen Arzneimitteln bringt nur einen schnellen Scheinerfolg, ist nicht für die Behandlung einer Schuppenflechte geeignet und wird in der Leitlinie nicht empfohlen. Langfristig schadet man dem Patienten damit sogar. Hausärzte werden dahingegen zwar aufgeklärt, dennoch stammt ein Großteil der Kortikosteroid-Verschreibungen von Allgemeinmedizinern und Internisten. Auch Patienten müssen hierfür sensibilisiert werden und dürfen dieser Verschreibungspraxis keinen Vorschub leisten.

Ein spannender neuer Aspekt in der Versorgung von Patienten mit Hautkrankheiten ist das Thema Telemedizin ...

Richtig, als stark visuell geprägtes Fach eignet sich die Dermatologie sehr gut für telemedizinische Anwendungen und ist eine große Chance, um Therapie, Therapiemanagement, Nachsorge und die Patientenschulungen zu verbessern. Deshalb wurde die S2k-Leitlinie „Teledermatologie“ auf dem Boden gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse entwickelt und vor Kurzem veröffentlicht, an deren Koordination auch ich und mein Team beteiligt waren. Sie empfiehlt zum Beispiel Verlaufskontrollen nicht nur bei Schuppenflechte, sondern auch bei Neurodermitis, Hautkrebs sowie akuten und chronischen Wunden. Auch kann die Telemedizin der Abklärung von unklaren Hautbefunden durch Dermatologen per Bilddaten dienen. Die Erstdiagnostik hingegen sollte bei Schuppenflechte und auch bei Neurodermitis nicht allein auf der Basis eines teledermatologischen Befundes erfolgen. Teledermatologie ist weder für Patient noch Arzt ein Muss, sondern eine optionale zeitgemäße Ergänzung für die Versorgung von Patienten mit Hautkrankheiten.  

Stichwort: Neurodermitis. Warum ist die Versorgungssituation noch nicht so gut wie im Fall der Schuppenflechte?

Der Einsatz von Innovationen und die Weiterentwicklung der systematischen Versorgung bei Schuppenflechte in den vergangenen 15 Jahren ist in Deutschland vorbildlich, sogar laut WHO weltweit. Im Fall der Neurodermitis ist hingegen bis Ende 2017 nichts an Innovationen in die Versorgung gekommen, da die Neurodermitis-Forschung hier fast auf der Stelle trat. Jetzt kommt aber Bewegung rein, insbesondere in Form monoklonaler Antikörper und kleiner Moleküle. Das Gute: Wir können uns der Erfahrungen mit der Schuppenflechte bedienen, was für eine bessere Versorgungsqualität zu tun ist. Quertransfers sind immer produktiv für die Versorgung. Davon werden Menschen mit starker Neurodermitis profitieren – und zwar rückblickend hoffentlich schneller als Patienten mit Schuppenflechte.

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