Neurodermitis-Behandlung

„Die Forschung feiert immer wieder Erfolge“

Von Nadine Effert · 2019

Frau mit Neurodermitis kratzt sich am geröteten Arm. Thema: Neurodermitis-Behandlung
Das Schlimmste an Neurodermitis ist der starke Juckreiz – wobei das Kratzen die Haut zusätzlich reizt. Foto: iStock / Zinkevych

Etwa 13 Prozent der Kinder und rund drei Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden unter Neurodermitis (atopische Dermatitis), einer der häufigsten chronischen Hautkrankheiten. Dr. med. Ralph Michael von Kiedrowski, Dermatologe und Vorstandsmitglied beim Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD e.V.), über Ursachen, neue Therapien und vielsprechende Forschungsansätze.

Was weiß man heute über die Ursachen von Neurodermitis?

Zwar weiß man immer mehr über potenzielle Ursachen, wodurch immer bessere, zielgerichtete Behandlungsmethoden entwickelt werden können, doch von einer Therapie im Sinne einer Heilung sind wir noch weit entfernt. Warum? Aufgrund einer familiären Häufung kann von einer genetischen Veranlagung gesprochen werden. Sie führt zu Überempfindlichkeitsreaktionen des Immunsystems gegenüber bestimmten Umwelteinflüssen. Ebenso genetisch bedingt ist die Veranlagung zu trockener, empfindlicher Haut und erhöhter Ekzembereitschaft. Die Folge: eine gestörte Barrierefunktion der Haut, wodurch Fremdstoffe, wie etwa Krankheitserreger und Allergene, leichter eindringen können.

Porträt: Dr. med. Ralph Michael von Kiedrowski
Dr. med. Ralph Michael von Kiedrowski, Dermatologe und Vorstandsmitglied beim Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD e.V.)

Eine Rolle spielt dabei laut aktuellen Studien die Zusammensetzung der Bakterienbesiedlung der Haut.

Richtig, dabei geht es um das sogenannte Mikrobiom. Es trägt bei gesunden Menschen dazu bei, den Organismus vor fremden Keimen zu schützen. Bei Neurodermitikern ist die mikrobielle Zusammensetzung gestört, die Vielfalt der Bakterien ist geringer, wodurch sich bestimmte Bakterien durchsetzen, vermehren und Schübe auslösen können. Dieses Wissen erklärt zum einen, warum gleiche Therapien bei verschiedenen Patienten unterschiedlich wirken. Zum anderen nutzen es Forscher aktuell, um Therapien zur Wiederherstellung des Mikrobioms zu entwickeln.

Sie erwähnten die charakteristischen Schübe. Durch was werden diese begünstigt?

Wichtig ist zu wissen, dass es nicht einen Auslöser gibt, sondern eine Vielzahl an sogenannten Trigger-Faktoren. Jahresbedingte Witterungen, falsches Hygieneverhalten, Stress, Infekte oder vorhandene Allergien beispielsweise können die Krankheit auslösen oder verschlechtern. Manche Trigger wirken erst in Kombination mit anderen oder ab einer gewissen Stärke. Nicht immer wird bei Patienten überhaupt ein Auslöser gefunden, was bei Betroffenen wiederum zu Stresssituationen führen kann. Wie Sie sehen, steckt dahinter eine komplexe Angelegenheit.

Bei der Therapie geht es um das Lindern von Symptomen und das Verhindern neuer Schübe. Welche Art Behandlung empfehlen Sie?

Grundsätzlich gilt: Eine allgemeingültige Therapie gibt es nicht. Sie richtet sich stets individuell nach dem Schweregrad und dem Verlauf der Krankheit. Worauf es allerdings immer ankommt, ist die Basispflege mit rückfettenden Präparaten und speziellen Waschlotionen. Sie ist das Wichtigste, wird aber leider oft vernachlässigt. Weiter sollten bekannte Trigger-Faktoren vermieden oder verringert werden. Zur Behandlung leichter und mittelschwerer Schübe werden topische Kortison-Präparate angewendet – mit dem Ziel, die Entzündung zu beseitigen und den Juckreiz zu lindern. 

Zur Langzeittherapie oder auch zur Behandlung von Kleinkindern geeignet sind kortisonfreie Salben, die Calcineurin-Inhibitoren als Wirkstoff enthalten. Sie hemmen die Aktivitäten des Immunsystems einschließlich der Bildung entzündungsfördernder Botenstoffe. Bei anhaltend schwerer Erkrankung, die nicht durch eine topische Behandlung kontrolliert werden kann, ist eine systemische Therapie mit Medikamenten angezeigt.

Apropos Medikamente: Seit Kurzem liest man immer häufiger von sogenannten Biologika in Zusammenhang mit Neurodermitis. Was steckt dahinter?

Als Biologika bezeichnet man biotechnologisch hergestellte Eiweißstoffe, die in den Ablauf des Entzündungsmechanismus eingreifen, indem sie die Wirkung bestimmter Botenstoffe hemmen. Man weiß, dass bei Neurodermitis die Zytokine IL-4 und IL-13 eine Schlüsselrolle spielen. Genau hier setzt ein neuer Wirkstoff in Form eines monoklonalen Rezeptor-Antikörpers an, indem er deren Signalwege blockiert. Mit guten Ergebnissen, was den Rückgang der Ekzeme und des Juckreizes anbelangt. 

Quelle: Allergieinformationsdienst / Helmholtz Zentrum München, 2019

Welche aktuellen Forschungsansätze halten Sie für besonders vielversprechend?

Neben dem Mikrobiom als interessanter Ansatzpunkt für Therapien, zeigen aktuell erste Studien mit einer Reihe von sogenannten Inhibitoren der Janus-Kinase (JAK) – sowohl in topischer als auch in systemischer Form – einen lindernden Effekt auf die Hauterkrankung. In den nächsten Jahren werden also neue Medikamente auf den Markt kommen, von denen viele Patienten profitieren werden.

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